Der geschichtliche Hintergrund Sardiniens

Sardinien vor den Römern

Die Geschichte des bevölkerten Sardiniens reicht sehr weit bis in die Jungsteinzeit (Neolithikum) zurück. Die Kultur, die auf Sardinien die wohl beeindruckendsten Spuren hinterlassen und die Bauwerke auf der sardischen Insel hinterlassen hat, die bis heute noch gut erhalten sind, ist ganz unbestreitbar die Kultur der Nuragher. Seit 1997 zählt der Nuraghenkomplex „Su Nuraxi“ bei Barumini zum Weltkulturerbe der UNESCO. Während der Frühbronzezeit, in etwa um 1.500 v. Chr. entwickeln sich die Bonnannaro-  und die frühbronzeitliche Nuragher – Kultur auf der sardischen Insel. Die Kultur der Nuragher prägt Sardinien über einen Zeitraum von insgesamt etwa 1.300 Jahre hinweg, bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. hinein. Die sardischen Nuragher dominieren das sardische Land, indem sie u.a. intensive Handelsbeziehungen zu Zypern und allgemein zu der damaligen mykenischen Kultur erfolgreich aufbauen, sie pflegen und ausbauen können. Im 13. Jahrhundert v. Chr. erlangt die Kultur der sardischen Nuragher sogar im damaligen Ägypten, wie es aus ägyptischen Quellen der damaligen Zeit hervorgeht, Bekanntschaft und Respekt.

Doch die Spuren auf vornuraghische Insebesucher reichen auf Sardinien noch viel weiter, sogar bis ca. 17.000 v. Chr., ins Jungpaläolithikum, den jüngeren Abschnitt der europäischen Steinzeit zurück.  

Um etwas vor 6.000 v.Chr. wird Sardinien von aus dem westlichen Mittelmeerraum her stammenden Völkern nach und nach entdeckt und langsam besiedelt. Bei diesen westmittelmeerischen Siedlern handelt es sich allerdings um keine sesshafte Kulturgruppe.  Erst ab ca. 4.000 v. Chr. werden Siedler auf Sardinien sesshaft und beginnen den Ackerbau und den Abbau von Obsidian, einem schwarzem, glasartigen vulkanischen Gestein zu entwickeln und damit mit Kulturen des südlichen und nördlichen italienischen Festlandes, sowie der heute französischen Nachbarinsel Korsika und des südlichen Frankreichs in Handelsbeziehungen zu treten, wo es Funde über sardische Artefakte aus Obsidian gibt, die somit diesen Rückschluss erlauben und verifizieren.

Auch die heute noch zu bewundernden großen Gräberanlagen, die „Domus de Janas“ (Feenhäuser) stammen aus der vornuraghischen Zeit. Deren Errichtung wird um etwa 3.000 v Chr. vermutet. Die bedeutende Kultstätte „Pranu Mutteddu“ mit seinen Menhiren, die zur heutigen Kommune von Goni gehört, stammt ebenfalls aus dieser Zeit und wird der Ozieri Kultur zugesprochen.

Wenige Jahrhunderte später, so in etwa ab 2.700 v. Chr., endet auf Sardinien die Steinzeit und die Kupferzeit erhält Einzug. Die Megalithkultur in Form von Menhiren, Dolmen und Protonuraghen setzt sich bis etwa 2.000 v Chr. durch, während aber auch gleichzeitig Kulturelemente aus Westeuropa die kulturelle Entwicklung auf der Insel stark beeinflussen. Die Menschen leben zu dieser Zeit als Hirten und Bauern in Clans zusammen und befehden sich gegenseitig mit dem Ziel des Ausbaus der wirtschaftlichen und territorialen Macht. Die stetige Entwicklung der Nuragher Kultur, die ab 1.500 v. Chr. ihre Blütezeit einläutet, wird durch die zahlreichen Gräber, Brunnentempel, Bronzeplastiken, Steinskulpturen, sowie die Nuraghenfestungen und -anlagen bezeugt. Die Gigantengräber auf Sardinien stammen von der Bonnanaro Kultur, die als Vorläufer der Nuragherkultur gilt. Heute hat man auf Sardinien das Privileg und die Möglichkeit, noch über 700 Nuraghentürme, die über die gesamte Insel hinweg verteilt sind, zu besuchen und zu bewundern.

Die Kultur der Nuragher, als die damals vorherrschende Kultur auf Sardinien, lässt das Eindringen von Phöniziern im 9. Jahrhundert vorerst scheinbar wissentlich zu. Im Laufe der Zeit, so in etwa um 700 v. Chr., werden dann schließlich die ersten phönizischen Siedlungen entlang der südlichen Küste der sardischen Insel gegründet. Dabei entsteht auch die heutige Inselhauptstadt Cagliari. Weitere Siedlungen, wie Bythia, das heutige Chia, Nora, das beim heutigen Ort Pula liegt, Sulki bei der heutigen Ortschaft von Sant´Antioco, Tharros in der Nähe des heutigen Ortes Oristano, sowie Bosa, werden von ebendiesen phönizischen Siedlern gegründet. Währenddessen ziehen sich die bisherigen Einwohner Sardiniens, die Nuragher, immer weiter in die Bergregionen des Inselinneren zurück. Die angesiedelten Phönizier erlangen aufgrund ihrer starken Handelbeziehungen stetig mehr und mehr Einfluss auf die Kunst und die Wirtschaft auf Sardinien. Dies setzt sich zunächst weiterhin größtenteils friedlich fort, bis zu dem Zeitpunkt, als die von den Phöniziern abstammenden Punier, die ab ca. 540 v.Chr. ihre damalige Machtstellung weiter ausbauen und dabei die Getreidegebiete und Erzvorkommen auf Sardinien mehr und mehr für sich allein beanspruchen, um die Basis für ihren Handel und ihre Kriegsführung zu garantieren. Ein Teil der sardischen Ureinwohner, der in Küstennähe lebt, wird dabei assimiliert. Allerdings zieht sich der Großteil der nuraghischen Bevölkerung nun noch weiter und konsequenter in die Bergregionen im Landesinneren zurück und behält dort ihre mittlerweile überholten Lebensformen bei. Bis etwa  500 v. Chr. eskalierten die Konflikte zwischen den sardischen Ureinwohnern und den Phöniziern immer wieder und gipfeln in kriegerischen Szenarien. Letztendlich gelingt es aber den Puniern mit Hilfe der Karthager schließlich doch, nach vielen militärischen Kampagnen, die Sarden einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. In den tiefen Bergregionen im Inneren der Insel jedoch können die Nuragher ungestört weiterhin ihre Lebensformen und Kultur bewahren.


Sardinien und die Römer

Im 3. Jahrhundert v. Chr., um etwa 259 v. Chr., finden erste Eroberungsversuche der Römer auf Sardinien statt. Diese können aber zunächst von den auf Sardinien mittlerweile einheimischen Puniern unterbunden und zurückgeschlagen werden. Erst nach dem ersten punischen Krieg, 21 Jahre später, nämlich im Jahr 238 v. Chr., wird Sardinien von den Karthagern an die Römer abgetreten und ab 228 v. Chr. zusammen mit der Insel Korsika zur römischen Provinz und somit zur Verwaltungseinheit des Imperium Romanum. Wie es aber auch schon den vor den Römern in die Insel eindringenden Phöniziern schwer gefallen war, der ganzen Insel Herr zu werden und die gesamte sardische Bevölkerung unter seine Kontrolle zu bringen, so ergeht es schließlich auch den römischen Besatzern, die sich zunächst an den Küstengebieten niederlassen. Siedlungen wie Forum Triani, Porto Torres und Valentia feiern während dieser Zeit und unter den römischen Besetzern ihre Geburtsstunde. Der sardischen Bevölkerung gelingt es zunächst noch, im bergigen Inselinneren seine gewohnten Lebensformen beizubehalten und zu bewahren und, unabhängig von der römischen Besatzung, ihre Existenz fortzusetzen. Durch den Ausbau des Straßennetzes und die Gründung neuer Siedlungen, wird die Insel durch die Römer immer weiter erschlossen und bald dient die Insel dem römischen Reich als Rohstofflieferant und Kornspeicher. Im Jahr 215 v. Chr. wird der letzte Widerstand von den verbündeten Fellsarden und des Ampsicora, der noch heute als Sinnbild für den sardischen Aufstand gegen die römische Übermacht steht, durch das römische Heer nach der Schlacht von Cornus gebrochen. Die Römer kontrollieren fortan die sardische Insel bis etwa 150 v. Chr. so gut wie vollständig. Die langanhaltende Herrschaft der Römer, die bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. reicht, hinterlässt prägende Spuren in Kultur, Sprache, Infrastruktur, Architektur und Lebensführung. Kurzum, Sardinien wird im Laufe der Zeit vollständig romanisiert. Ab 326 n. Chr. setzt sich an den sardischen Küstengebieten das Christentum durch und dringt langsam auch ins Landesinnere vor. Kirchen und Klöster entstehen und die Missionierung nimmt ihren Lauf.


Sardinien unter den Wandalen und dem Byzantinischen Reich

In der Mitte des fünften Jahrhunderts n. Chr., also mit dem Niedergang des römischen Reiches beginnt die Besetzung der sardischen Küstenstädte, wie Cagliari und viele weitere küstennahe Ortschaften durch die Wandalen unter Fürst Geiserich von Afrika. Im Jahr 455 n. Chr. wird Sardinien schließlich Provinz des nordafrikanischen Wandalenreiches. Keine 80 Jahre später, nämlich im Jahr 534 n. Chr., geht Sardinien nach gewonnener Schlacht bei Tricamarum, die zur endgültigen Vernichtung des Wandalenreiches führte, an das Oströmische Reich unter Kaiser Justian I über. Fortan gehört die sardische Insel, als Provinz des Exarchats Afrika, zum Byzantinischen Reich. Die Provinz Sardinien wird in die vier Regionen Cagliari, Arborea, Torres und Gallura eingeteilt. Diese widerum unterstehen einem obersten Provinzverwalter (Judex Provinciae). Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. lassen sich Ostgoten und etwa 50 Jahre später auch Langobarden auf Insel nieder. Schließlich wird unter dem päpstlichen Einfluss im 7. Jahrhundert n. Chr. auch das Inselinnere erfolgreich und vollständig missioniert.


Sardinien und das Scheitern der Islamisierung

Ab 704 n. Chr. fallen auf Sardinien immer wieder Sarazenen entlang den Küstengebieten ein. Die sardische Bevölkerung zieht sich aufgrund der piratenartigen Überfälle der arabischen Eindringlinge in die Bergregionen im Inselinneren zurück, um der barbarischen Willkür der Sarazenenüberfälle zu entgehen. Schließlich besetzen ab 720 n. Chr. die Sarazenen die vier Bereiche Sardiniens (Cagliari, Arborea, Torres und die Gallura). Trotzdem Sardinien nun ofiziell im Besitz des arabischen Kalifenreiches ist, können sich nicht-sarazenische Verwalter in jenen vier Regionen halten. Somit misslingt die Errichtung einer unmittelbaren Herrschaft der Araber über die Insel und Sardinien gelingt im 9. Jahrhundert n. Chr. die Anknüpfung von Beziehungen zum Frankenreich, dem auch die Nachbarinsel Korsika angegliedert ist. Ca. 900 n. Chr. wird auf Sardinien, aufgrund des Drucks der Araber auf Byzanz, ein Machtvakuum ausgenutzt und es bilden sich vier fortan unabhängige sardische Gebiete, die Judikate Cagliari, Arborea, Torres und Gallura, die unabhängig voneinander unter vier Richtern stehen. Im Jahr 1015 n. Chr. gelingt es einer arabischen Flotte aus Südspanien unter Emir von Denia weite Teile der sardischen Südküste zurück zu erobern. Papst Benedikt VIII sendet aber zur Abwehr dieser Eroberungsangriffe unverzüglich Flotten aus Pisa und Genua aus. Diesen gelingt es den Kampfplatz behaupten und Sardinien vor einem erneuten Eroberungsversuch durch das arabische Kalifat zu bewahren. Nach dem Sieg und dem Rückzug der Sarazenen vom sardischen Eiland, lassen sich Pisaner auf der Insel nieder und streben nach der Vormachtstellung auf Sardinien. In den Jahren 1021 und 1022 n. Chr. wagen die Sarazenen erneute Eroberungsversuche, die aber erfolglos bleiben.


Sardinien unter den Pisanern und Genuesern

Vom 11. bis ins 13. Jahrhundert genießt Sardinien eine gewisse Autonomie und Unabhängigkeit. Pisanische und genuesische Familien gewinnen dabei immer mehr Einfluss und Macht auf der Insel. Dabei fokussieren sich die Genueser auf Nordsardinien und die Pisaner auf den Südteil der Insel, vorerst zumindest. Letztlich beanspruchen aber sowohl die Pisaner, als auch die Genueser die alleinige Herrschaft und Machtstellung über Sardinien. Während dieser Zeitspanne werden enge Kontakte zu toskanischen Bauhütten aufgebaut und gepflegt, wodurch sich die romanische Architektur und Kunst auch auf Sardinien ausbreiten kann und unter der sardischen Bevölkerung Anerkennung findet. Nach 1284 verlieren die Pisaner aufgrund ihrer Niederlage gegen die Genuesen zunehmend Ihren Einfluss auf Sardinien und schließlich sind bis 1298 drei der vier Judikate aufgelöst. Im Jahr 1281 taucht zum ersten Mal offiziell und dokumentiert das sardische Wappen auf, auf dem die vier nach Westen bzw. nach rechts gerichteten Mohrenköpfe mit Augenbinde bzw. Stirnband abgebildet sind. Dieses historische Symbol ist bis heute die offizielle sardische Flagge und wird von den Sarden mit großem Stolz verehrt.


Sardinien unter den Aragoniern und Spaniern

Im Jahr 1297 belehnt der Papst die Thronfolger des Königs von Aragonien, Peter III von Aragòn und Graf von Barcelona mit den Inseln Sardinien und Korsika. Ab 1323 beginnen die beiden Söhne des Königs, Kronprinz Alfonso III und sein Bruder Jakob II die sardische Insel zu erobern und beenden somit die Herrschaft der norditalienischen Genuesen Familien auf Sardinien. Nach erfolgreicher Besetzung der Inseln, gründen sie das Königreich Sardinien und Korsika. Lediglich die Region Arborea gelingt es, seine Autonomie als Judikat immerhin noch bis 1478 zu behaupten und aufrechtzuerhalten. Richterin Eleonora d´Arborea, erlässt 1395 sogar ein eigenes Zivil- und Strafgesetzbuch. Unter der spanischen Herrschaft wird Sardinien im Stile einer Kolonie ausgebeutet. Die Gegensätze zwischen der Land- und Stadtbevölkerung verschärfen sich und in den abgeschiedenen Bergregionen entwickelt sich zunehmend eine Hirten- und Bauerngesellschaft, die sich mehr und mehr dem ungeschriebenen „Gesetz der Macchia“ hingibt. Die Katalanische Gotik setzt sich in der sardischen Kunst durch. Nachdem 1516 aus Aragonien das Königreich Spanien wird, geht auch Sardinien auf das Königreich Spanien über. Nachdem Sardinien wiederholt das Ziel von raubenden und plündernden nordafrikanischen Berben wird, lässt König Karl V von Spanien die sardische Insel entlang der Küsten mit einem Wach- und Abwehrturmsystem ausstatten, das man noch heute runde herum um die sardische Küstenlinie begutachten und bewundern kann.


Sardinien unter den Habsburgern

Ab 1708, während des Spanischen Erbfolgekrieges, wird Sardinien von Engländern und Österreichern besetzt und erobert. Schließlich wird Sardinien im Frieden von Utrecht, im Jahr 1713, den Habsburgern zugesprochen. Die österreichische Herrschaft wurde nach der Rückeroberung durch Kardinal Alberoni, ein Minister des Königs Philipp V von Spanien, im Jahr 1717 befreit.


Königreich Sardinien – Piemont

Im Jahr 1720 gelangt die Insel Sardinien durch einen Tausch für Sizilien im Vertrag von London an die piemontesisch – savoyischen Herzöge, die den Titel „König von Sardinien“ annehmen. Sardinien wird unter Vittorio Amedeo II di Savoia, der im Gegenzug auf Sizilien verzichtet, zum Königreich Sardinien – Piemont. Das bestehende spanisch – mittelalterliche Feudalsystem auf Sardinien bleibt zunächst unangetastet. Aufgrund des Überhand gewinnenden Banditentums kommt es ab 1759 unter Carlo Emanuele III, dem König von Sardinien von 1730 bis 1773, zu tiefgreifenden Reformen in Justiz, Kultur, Wirtschaft und Verwaltung. Ab den 1760er Jahren wird auf Sardinien Italienisch als Amtssprache und somit auch als Unterrichtssprache in den Schulen eingeführt.

Auf Carlo Emanuele III folgte dessen Sohn und Thronfolger Vittorio Amedeo III auf den Sardischen Thron. Unter seiner Regentschaft gibt es gegen Ende des 18. Jahrhunderts u.a. aufgrund von Hungersnöten und durch den Einfluss der Ideen der Französischen Revolution gegen die italienische Vormacht vermehrt Revolten und Aufstände des sardischen Volkes, die er allerdings erfolgreich niederschlagen kann.

Durch die napoleonischen Kriege, die auch das italienische Festland involvieren, wird Cagliari ab 1798 der Exilsitz der Savoyer, die zur Flucht aus Turin gezwungen sind. Seit 1796 ist Carlo Emanuele IV König über Sardinien. Er muss seine gesamten sechs Regentschaftsjahre im Exil verbringen.

Ab 1802 ist Vittorio Emanuele I, Sohn von Vittorio Amedeo II, königlicher Regent über Sardinien. Dieser darf ab 1815 wieder zurück nach Turin auf das italienische Festland. Unter ihm wird auch Genua an das Königreich Sardinien angegliedert.

Durch den Erlass zur Einfriedung von Land (Edito delle chiudendo) im Jahr 1823, unter König Carlo Felice, findet eine Privatisierung des bis dahin jährlich Neuverteilten Gemeinschaftslandes statt. Von nun an wird der Besitz von Land demjenigen zugesprochen, der es einzäunt. Das führt zu einem Pachtsystem, das wiederum neue Abhängigkeiten entstehen lässt und somit Bauern und Hirten in große und ernsthafte Nöte treibt.

Unter König Carlo Alberto, wird gegen Ende der 1830er Jahre das Feudalsystem abgeschafft. Gemeinden können sich jetzt, im Gegenzug für hohe Ablösesummen, von ihren Lehnsherren befreien. 1847 geht das Königreich Sardinien, fortan als nicht mehr eigenständige Einheit, unter dem noch engeren Zusammenschluss von Sardinien und Piemont in das Königreich Sardinien – Piemont mit Regierungssitz in Turin über. Jenes Königreich wird später den Kern des künftigen Königreichs Italien bilden. Leiden muss die sardische Insel dennoch, da die einerseits durch den Zusammenschluss erhofften sozialen und wirtschaftlichen Besserungen ausbleiben und auf der anderen Seite die Insel durch hohe Steuerabgaben und Rohstoffausbeutung zur Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges gegen Österreich gegen Ende der 1850er Jahre bis ins Jahr 1860 weiter geschwächt wird.


Sardinien und das Königreich Italien

Im Jahr 1861 entsteht, im Anschluss an die Risorgimentobewegung, unter sardischem Einfluss das Königreich Italien. Das Königreich Sardinien – Piemont ist zu diesem Zeitpunkt die letzte einheimische Dynastie in Staatsform und findet somit leicht in einem sich nach Nationalbewusstsein sehnenden und dadurch geprägtem Italien Anhänger, um sich den österreichischen und französischen Mächten entgegenzustellen und diese schließlich zu bekämpfen und vertreiben. Am 17.03.1961 erfolgt die Proklamation des Vittorio Emanuele II, König von Sardinien, zum König von Italien. Regierungssitz ist zu diesem Zeitpunkt Turin. Sardinien ist von nun an Region des Königreichs Italien. Die Eisenbahn und der Bau von Eisenbahnlinien läuft in Italien und auch auf Sardinien auf Hochtouren. Insbesondere das bis dahin stark bewaldete Sardinien wird zum Zweck des Ausbaus des Eisenbahnnetzes in ganz Italien extrem gerodet und aus den einst so majestätischen Waldflächen entstehen mehr und mehr Steppenlandschaften. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts werden die ersten Eisenbahnlinien, wie zum Beispiel die von Cagliari – Sassari fertiggestellt und zahlreiche Landreformen durchgeführt. Um die Jahrhundertwende setzt eine Autonomiebewegung auf Sardinien ein, die sich neben vereinzelten Aufständen insbesondere in einem nationalen sardischen Sprachbewusstsein zeigt. Ein Streikaufstand der Bergarbeiter in Buggeru kann nur auf blutige Art und Weise niedergeschlagen werden und ist sogar der Ausgangspunkt des ersten nationalen Streiks in Italien.


Sardinien und der erste Weltkrieg

Während das sardische Eiland als Kriegsschauplatz vom Ersten Weltkrieg glücklicherweise verschont bleibt, wird im Frühjahr 1915, im Zuge der italienischen Mobilmachung und der damit einhergehenden Heererweiterung, die Brigata Sassari gegründet. Im Gegensatz zu sämtlichen anderen Brigaden, bei deren Rekrutierung man ganz besonders darauf geachtet hatte, dass sie aus Soldaten aus unterschiedlichen Regionen Italiens bestanden, rekrutiert man für diese Brigade ausschließlich Sarden. Das Einsatzgebiet dieser sardischen Infanteriebrigade während des Ersten Weltkriegs wird ab Juli 1915 die Region um den Fluss Isonzo, im heutigen Slowenien, im Kampf gegen die Armee Österreich – Ungarns. Für Ihren Einsatz in den Isonzoschlachten, sowie auch für die Eroberung des Monte Fior, des Casera Zebio und des Monte Castelgomberto wird die Sassari Brigade mit der sehr selten verliehenen goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Die Soldaten der Sassari Brigade genießen im gesamten italienischen Heer besonderes Ansehen für ihren Einsatz und werden von den österreich – ungarischen Gegnern ehrfurchtsvoll als „Rote Teufel“ bezeichnet. Bis heute ist die Bragata Sassari die einzige Infanteriebrigade der italienischen Armee, die neben der italienischen Nationalhymne noch ihre eigene Hymne in ihrer eigenen sardischen Sprache mit dem Titel „Dimonios“ besitzt. Die Bedeutung der Veteranen dieser Brigade nimmt nach dem Krieg insbesondere in politischer Richtung stark zu. Kriegsteilnehmer der Brigata Sassari werden politisch aktiv, gründen die Partei „Partito Sardo d´Azione“, setzen sich dabei stark für mehr Autonomie der sardischen Region und für ein Ende der Benachteiligung gegenüber den italienischen Nordprovinzen ein. Der aufkommende Faschismus unter Mussolini, macht die Arbeit, die Anliegen und den Erfolg der Partei konsequent zunichte.


Sardinien und die wirtschaftliche Erschließung

In den 1920er und 1930er Jahren wird die sardische Insel durch Großprojekte, wie Landwirtschafts- und Bergbauzentren erschlossen. Mienen werden ausgebaut, Stauseen werden angelegt und Kraftwerke erbaut. Diese Projekte sorgen für Arbeit und Beschäftigung. Gegen die Malaria, die sich auf der Insel ausgebreitet hat, wird vorgegangen. Die erfolgreiche Bekämpfung von Malaria auf Sardinien dauert allerdings noch bis 1950 an.


Sardinien und der Zweite Weltkrieg

Anders als im Ersten Weltkrieg, an dem die sardische Insel selbst von Angriffen und Besetzungen verschont bleibt, wird Sardinien als wichtiger militärischer Stützpunkt der Alliierten, im Italienfeldzug besetzt. Die Inselhauptstadt Cagliari ist ganz besonders von den Bombardements der Alliierten betroffen. Dreiviertel der Stadt wird durch die Angriffe der Amerikaner und der Briten zerstört oder beschädigt.


Sardinien seit dem Zweiten Weltkrieg

Italien ist seit 1946 Republik. Im Jahr 1948 räumt die italienische Republik der Region Sardinien den Status der Autonomen Region Sardinien ein. Aufgrund der andauernden Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden Hungersnöten in den 1950er Jahren, wandern sehr viele Sarden aus, um ihr berufliches Glück auf dem italienischen Festland oder gar im Ausland zu finden. 1962 wird versucht mit Wirtschaftshilfeprogrammen dem auf der Insel herrschenden Hunger und den damit verbundenen Auswanderungswellen entgegenzuwirken. Statt aber auf die Förderung von Bildung und einen Ausbau der bestehenden Infrastruktur zu setzen, wird die Großindustrie, wie beispielsweise die Petrochemie auf Sardinien angesiedelt. Dieser Sektor ist für den größten Teil der Einheimischen und die Arbeitsmarktsituation auf Sardinien allerdings von geringer Relevanz und Bedeutung. In Nordsardinien wird die Costa Smeralda für die Bedürfnisse des internationalen Jet – Set – Tourismus durch Prinz Aga Khan ausgebaut. Auch dieses Projekt bietet für die Sarden selbst nur eine geringe Anzahl an Arbeitsplätzen und unterliegt extrem stark den saisonalen Schwankungen. Die Auswanderungswelle hält also weiter an.

Die Provinz Oristano kommt 1974 als Vierte zu den drei bestehenden Provinzen Sardiniens Cagliari, Sassari und Nuoro dazu. Die Sardische Sprache gilt erst seit Mitte/Ende der 1990er Jahre offiziell als eine eigene Sprache und bildet seither die größte Minderheitensprache in Italien. Seit dem Jahr 2005 ist Sardinien in insgesamt acht Provinzen eingeteilt. Aus den bestehenden vier Provinzen Cagliari, Sassari, Nuoro und Oristano, werden die vier weiteren Provinzen Olbia – Tempio, Carbonia – Iglesias, Medio Campidano und Ogliastra ausgegliedert.